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Film & TV

Festival-Lichter über Locarno: Diese Schweizer Stimmen prägen den neuen Film

14. July 20267 Min. LesezeitRedaktion celebbeamra.net

Wenn im August die Leinwand auf der Piazza Grande leuchtet, wird Locarno zum Treffpunkt der internationalen Filmwelt. Für die Schweizer Filmszene ist das Festival jedoch mehr als eine Bühne für Premieren und rote Teppiche. Es ist ein Ort, an dem unterschiedliche Sprachräume, filmische Traditionen und neue Perspektiven sichtbar werden. Zwischen den Bergen des Tessins begegnen sich etablierte Regisseurinnen und Regisseure, junge Talente, Schauspielerinnen und Schauspieler sowie ein Publikum, das den Schweizer Film in seiner ganzen Vielfalt erlebt.

Die besondere Bedeutung Locarnos liegt auch in seiner geografischen und kulturellen Lage. Das Festival findet im italienischsprachigen Kanton Tessin statt, richtet sich aber an ein mehrsprachiges Land und an ein internationales Publikum. Deutsch, Französisch, Italienisch und Rätoromanisch gehören zur kulturellen Realität der Schweiz. Diese Mehrsprachigkeit prägt Themen, Figuren und Produktionsbedingungen – und sie macht den Schweizer Film zu einem Spiegel eines Landes, das nicht durch eine einzige Erzählung zusammengehalten wird.

Eine Tradition mit mehreren Generationen

Die heutige Filmszene baut auf einer Generation auf, die das Schweizer Autorenkino international bekannt gemacht hat. Regisseure wie Alain Tanner, Claude Goretta und Fredi M. Murer entwickelten seit den 1960er- und 1970er-Jahren eine eigenständige Filmsprache. Ihre Werke beschäftigten sich mit gesellschaftlichen Veränderungen, persönlicher Freiheit und dem Verhältnis zwischen Individuum und Institutionen. Auch die Schauspielkunst von Persönlichkeiten wie Bruno Ganz und Marthe Keller trug dazu bei, Schweizer Produktionen über die Landesgrenzen hinaus bekannt zu machen.

In der Romandie setzte unter anderem Jean-Stéphane Bron Akzente mit Dokumentarfilmen, die politische und gesellschaftliche Prozesse beobachtbar machen. Ursula Meier verbindet in ihren Spielfilmen familiäre Konflikte mit präzisen sozialen Beobachtungen. Ihre Arbeiten zeigen, wie persönliche Geschichten Fragen nach Zugehörigkeit, Grenzen und Verantwortung öffnen können. Regisseurinnen wie Stina Werenfels und Stéphanie Chuat sowie Véronique Reymond stehen ebenfalls für ein Kino, in dem intime Beziehungen und gesellschaftliche Spannungen eng miteinander verbunden sind.

Eine jüngere Generation erweitert dieses Spektrum um neue Formen und Erzählweisen. Cyril Schäublin arbeitet mit bewusst komponierten Bildern und historischen wie politischen Themen. Ramon Zürcher und Silvan Zürcher suchen nach ungewöhnlichen Rhythmen und einer eigenständigen Bildsprache. Elene Naveriani erzählt von Menschen, deren Lebensrealitäten im Mainstreamkino lange wenig Platz hatten. Mit Filmen wie Foudre von Carmen Jaquier, Drii Winter von Michael Koch und Blackbird Blackbird Blackberry von Elene Naveriani wurde zudem deutlich, wie unterschiedlich Schweizer Produktionen mit Herkunft, Körper, Religion, Begehren und sozialem Wandel umgehen können.

Locarno als Fenster zur Schweiz

Das Festival del film Locarno verbindet die Aufmerksamkeit eines großen internationalen Festivals mit einer ausgeprägten Offenheit für neue Stimmen. Der Wettbewerb um den Pardo d’oro gilt als wichtige Plattform für anspruchsvolles Autorenkino. Gleichzeitig bieten die verschiedenen Sektionen Raum für Dokumentarfilme, Kurzfilme, Debüts und Werke, die sich einer einfachen Einordnung entziehen.

Für Schweizer Filmschaffende ist diese Mischung besonders wichtig. Ein Film kann in Locarno ein lokales Thema aufgreifen und dennoch ein internationales Publikum erreichen. Ein Dorf in den Alpen, eine Familie in Genf oder ein Arbeiterviertel in Zürich werden dabei nicht zu bloßen Kulissen. Sie können Ausgangspunkte für Fragen sein, die auch anderswo verständlich sind: Wie verändert sich eine Gemeinschaft? Was bedeutet Heimat? Wer darf seine Geschichte erzählen? Und wie lassen sich gesellschaftliche Konflikte zeigen, ohne sie zu vereinfachen?

Regionale Produktionen, nationale Vielfalt

Die Schweizer Filmproduktion ist stark föderal geprägt. Produzentinnen, Produzenten und Filmschaffende arbeiten in unterschiedlichen Regionen mit eigenen kulturellen Netzwerken. In der Westschweiz entstehen regelmäßig französischsprachige Filme mit enger Verbindung zu den Filmkulturen Frankreichs und Belgiens. Zürich und andere Städte der Deutschschweiz verfügen über eine ausgeprägte Produktions- und Ausbildungsszene. Das Tessin bringt italienischsprachige Perspektiven ein und verbindet die Schweiz mit dem italienischen Kulturraum.

Diese regionale Vielfalt kann eine Stärke sein, bringt aber auch Herausforderungen mit sich. Kleine Produktionsstrukturen verfügen oft über weniger personelle und technische Möglichkeiten als große internationale Unternehmen. Drehbücher müssen häufiger mehrere Sprach- und Kulturkreise berücksichtigen. Untertitel und Synchronisation können den Zugang zu einem breiten Publikum erleichtern, verändern aber zugleich den Klang und die Wirkung eines Films. Gerade deshalb sind regionale Geschichten für die Schweizer Filmkultur unverzichtbar: Sie machen Unterschiede sichtbar, statt sie zugunsten einer einheitlichen Erzählung zu glätten.

Nachwuchs zwischen Ausbildung und Praxis

Die Zukunft des Schweizer Films hängt wesentlich davon ab, ob junge Filmschaffende Zugang zu Ausbildung, Mentoring und praktischer Erfahrung erhalten. Filmhochschulen und regionale Kulturinstitutionen schaffen dafür wichtige Grundlagen. Filmfestivals ergänzen diese Arbeit, indem sie Kurzfilme zeigen, Debüts bekannt machen und Begegnungen zwischen Nachwuchs und erfahrenen Branchenmitgliedern ermöglichen.

Für junge Regisseurinnen und Regisseure ist der Kurzfilm häufig der erste Schritt zu einer eigenen künstlerischen Handschrift. Er erlaubt Experimente mit Erzählperspektiven, Montage und dokumentarischen Formen. Gleichzeitig bleibt der Übergang zum langen Spielfilm anspruchsvoll. Die Entwicklung eines Drehbuchs, die Finanzierung, die Suche nach geeigneten Drehorten und die internationale Auswertung erfordern Zeit und stabile Zusammenarbeit. Locarno kann dabei Aufmerksamkeit schaffen, ersetzt aber nicht die kontinuierliche Förderung, die vor und nach einem Festivalauftritt notwendig ist.

Internationale Zusammenarbeit ohne Verlust der eigenen Stimme

Schweizer Filme entstehen häufig in Zusammenarbeit mit Partnern aus anderen Ländern. Koproduktionen erweitern die künstlerischen und technischen Möglichkeiten und erleichtern den Zugang zu internationalen Festivals. Sie bringen jedoch auch Abstimmungen über Sprache, Drehorte, Produktionsabläufe und inhaltliche Schwerpunkte mit sich. Ein Film muss dabei seine Schweizer Perspektive nicht verlieren. Im besten Fall entsteht aus mehreren Produktionskulturen eine neue Form, die lokale Genauigkeit mit internationaler Verständlichkeit verbindet.

Die internationale Vernetzung zeigt sich auch bei den Schauspielerinnen und Schauspielern. Luna Wedler, Max Hubacher und andere jüngere Schweizer Darstellerinnen und Darsteller arbeiten in deutsch-, französisch- und englischsprachigen Produktionen. Ihre Laufbahnen machen sichtbar, dass eine Schweizer Ausbildung und Filmbiografie den Weg in unterschiedliche europäische Filmlandschaften eröffnen kann. Gleichzeitig bleibt die Verbindung zu heimischen Produktionen wichtig, weil sie Themen und Figuren aus der Schweiz in den Mittelpunkt stellt.

Was das Publikum in Locarno sucht

Das Publikum kommt nicht nur wegen großer Namen. Viele Besucherinnen und Besucher suchen Filme, die im regulären Kinoprogramm schwerer zu finden sind: persönliche Dokumentarfilme, formal mutige Debüts oder Geschichten aus Regionen, die sonst selten im Mittelpunkt stehen. Die Vorführungen unter freiem Himmel verleihen dem Festival eine besondere öffentliche Dimension. Film wird in Locarno nicht ausschließlich als Branchenereignis erlebt, sondern als gemeinsames kulturelles Gespräch.

  • Mehrsprachigkeit: Schweizer Filme zeigen, wie verschiedene Sprachen und Lebenswelten innerhalb eines Landes aufeinandertreffen.
  • Regionale Verankerung: Lokale Schauplätze und konkrete soziale Erfahrungen bilden die Grundlage für überregionale Geschichten.
  • Nachwuchs: Kurzfilme und Debüts geben neuen Stimmen Raum und erneuern die Filmsprache.
  • Zusammenarbeit: Internationale Koproduktionen verbinden Schweizer Perspektiven mit europäischen Netzwerken.

Die Lichter von Locarno stehen deshalb nicht nur für den Glanz eines Filmfestivals. Sie beleuchten eine Szene, die von mehreren Generationen, vier Landessprachen und zahlreichen regionalen Erfahrungen getragen wird. Ihre Stärke liegt gerade in dieser Vielstimmigkeit. Wo unterschiedliche Perspektiven nebeneinander bestehen dürfen, entsteht ein Kino, das die Schweiz nicht als abgeschlossene Kulisse zeigt, sondern als lebendige Gesellschaft im Wandel.

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